Mittwoch, 21. September 2011

Von Nicholas Leeson zur UBS

Während in der ersten Presseaussendung von UBS noch grob von einem Verlust von 2 Mrd. Dollar aus dem „Aktienhandel in London“ gesprochen wurde, ist mittlerweile klar, daß sich der Verlust über den Verlauf von 3 Monaten aufgebaut hat und mit spekulativeren Instrumenten als bloßen Aktienkäufen und –Verkäufen erzielt wurde. Mittlerweile ist sogar schon von 2008 die Rede, worauf sich die erste Manipulation datieren lassen soll. Ohne weitere Details zu kennen, drängt sich ein Vergleich mit einem bekannten Vorbild auf: Nick Leeson.
In „Doubling: Nick Leeson’s Trading Strategy“ (Brown/Steenbeek, Pacific-Basin Finance Journal  9 (2001), 83-99) konnten die Autoren sehr genau nachzeichnen, wie überraschend naiv die Handelsstrategie des damaligen Chefhändlers von Barings Singapur, Nicholas Leeson, bis zum 23. Februar 1995 war: es wurde versucht, Verluste mittels double up zu kompensieren. Am Beispiel des Roulettespiels: man setzt 100€ auf eine Farbe, sagen wir Rot. Angenommen es kommt Schwarz, dann wären wir jetzt mit 100€ im Minus. Um das zu kompensieren, setzen wir wieder 100€ auf Rot. Käme wieder Schwarz, dann sind wir 200€ im Minus und setzen jetzt 200€ auf Rot. Folgt wieder Schwarz, dann setzen wir 400€ auf Rot. Käme jetzt endlich die gewünschte Farbe, dann werden wir mit dem Gewinn von 400€ für den Anfangsverlust von 100€, den zweiten Verlust von 100€ und den dritten von 200€ entschädigt. Naiv klingt das nach einer sicheren Strategie, denn irgendwann kam bisher in jedem Casino noch immer Rot.
Vernachlässigt werden dabei extreme Ereignisse oder sogenannte tail risks. Zero außen vor gelassen, ist die Wahrscheinlichkeit, daß beim jeweils nächsten Wurf Rot kommt, 0,5. Die Wahrscheinlichkeit, daß n Mal hintereinander Rot kommt, beträgt 0,5^n, da es jeweils voneinander unabhängige Ereignisse sind. 10 Mal hintereinander Rot (oder Schwarz) hat also die Wahrscheinlichkeit von gerundet 0,00098, also ca. 1 Promille von allen Würfen in einer Serie von 10 hat eine derartige Verteilung. Beim obigen Beispiel muß also ein Kapital von 100*(2^10) vorgehalten werden, um dieses Risiko abzudecken. Das sind 102.400€ bei einem Ersteinsatz von bloß 100€. Und dabei bleibt das Risiko, daß 11 Mal hintereinander Schwarz kommt, trotzdem offen. Genau dann, immerhin bei ca. jeder 2000. Serie von 11 Würfen, ist der Verlust aber enorm: das 2000fache des Ersteinsatzes von 100€.    
Als wäre das nicht schon riskant genug, gibt es an den Finanzmärkten in der Praxis nicht nur einfache tail risks, sondern sogenannte fat tails. Das liegt an der Verbindung der Finanzmärkte mit der chaotischen Umgebung. Der Roulettetisch ist hermetisch gegen Außeneinflüsse abgesichert. Jeder Windstoß, der den Lauf der Kugel beeinflussen könnte, wird unterbunden. Casinos betreiben eine fast schon klinisch saubere Spielumgebung.  Finanzmärkte hingegen sind dem Einfluß von Konjunkturphasen, Naturereignissen,  Äußerungen von Politikern und sonstigen Katastrophen ausgeliefert. Das macht die Wahrscheinlichkeit von Verlusten, die über das hinausgehen, was die statistische Normalverteilung vorhersagt, größer.
Im Falle Nick Leesons war es das Erdbeben von Kobe am 17. Januar 1995. Im Ausgangspunkt, nach einem erfolgreichen Jahr 1994, hatte er viele offene Positionen auf den wichtigsten Aktienindex der Tokioter Börse, wobei er überwiegend long war, d.h. er hat auf steigende Kurse gesetzt. Der Aktienmarkt hat auf das Erdbebeben aber heftig mit einem Abschwung reagiert und fiel von knapp 20.000 am Jahresanfang auf unter 15.000 wenige Monate später. Leeson hatte zwar die Richtung korrekt eingeschätzt, denn schon ein Jahr später stand der Index um 10% als zu Beginn 1995, bei ca. 22.500 Punkten. Aber dazwischen ist seiner Bank aber die Liquidität ausgegangen. Der Einbruch des Marktes war wie so oft bei Aktien irrational, aber wie schon Keynes einmal bemerkt hat: „Markets can remain irrational longer than you can remain solvent.“  Märkte können länger irrational bleiben, als man selbst zahlungsfähig. Und dieser Punkt war für Barings eben am 23. Februar 1995 erreicht, als sie das Geld nicht mehr aufbringen konnte, die offenen Positionen zu bezahlen. Zu den Details, was „bezahlen“ im Zusammenhang mit Futures konkret meint, siehe exemplarisch eine Beschreibung der DAX-Futures.
Der Gesamtverlust für Barings betrug damals ca. 1,4 Mrd. Dollar. Kaufkraftbereinigt ist das wahrscheinlich sogar weniger, als die UBS zu verkraften hat, aber Barings war eine viel kleinere Bank und wurde nach diesem Ereignis von ING für einen symbolischen Dollar übernommen. Das wird der UBS nicht passieren, auch da angeblich alle Positionen bereits glattgestellt sind. Interessiert werden viele aber vor allem daran sein, wie der Händler es geschafft hat, das Risikomanagement über Monate zu täuschen.
Bei Nick Leeson ist das bekannt. Neben der ausführlichen Literatur gibt auch der Film Rogue Trader Auskunft über die Lücken in der Organisation der Barings Bank. Dreh- und Angelpunkt war das Konto 88888. Eingerichtet als „Fehlerkonto“, wohin nur die Trades ausgebucht werden sollten, die durch fehlerhafte Eingaben verursacht wurden, hat er es geschafft, über dieses Konto auch seine offenen Spekulationsgeschäfte laufen zu lassen, es im Berichtssystem aber zu unterdrücken. Trotzdem hätte er nicht direkt über das Konto verfügen dürfen, denn Handel und Buchhaltung sind zu trennen.
Dazu muß man wissen, daß es beim Handel mit Finanzprodukten damit zumindest zwei Abteilungen im täglichen Betrieb befaßt sind: das Frontoffice, wo der Kontakt mit den Kunden und der Börse etwa am Telefon oder am Parkett stattfindet, und das Backoffice, wo die Geschäfte verbucht und ausgeführt werden. Heute findet man meist sogar eine Dreiteilung: Handel im Frontoffice, Verbuchung im Midoffice und Ausführung (Settlement) im Backoffice. Diese Abteilungen sollten personell voneinander getrennt sein, sodaß eben ein Händler nicht selbst seine Geschäfte verbuchen kann und daß wiederum ein Buchhalter keine Zahlungen vornehmen darf. So sollten auch „fiktive“ Geschäfte, wie sie angeblich in der UBS verbucht wurden, nicht vorkommen. Zur Verbuchung braucht es einen Beleg aus dem Handelssystem oder einen Telefonmitschnitt und da darf es keine Ausnahmen geben.  
Dagegen Nick Leeson über die Organisation des Handels bei Barings Singapur: „I was also in charge of the girls in the back office, who would carry out any of my requests”. Er war also gleichzeitig Chefhändler für Derivate, aber auch der Vorgesetzte der Angestellten im Backoffice, die seine Anweisungen befolgten. Im Film wird dazu gezeigt, daß er mit seinen Notizen vom Parketthandel nach Handelsschluß zur Mitarbeiterin im Backoffice gegangen ist und ihr Anweisungen gegeben hat, wie einzelne Geschäfte zu verbuchen war. Verlustbringer wurden da gerne gegen 88888, Gewinne gegen reguläre Konten gebucht oder zur Glattstellung des „Fehlerkontos“ verwendet.
In der UBS wird spekuliert, daß dem im Verdacht stehende Händler sein Werdegang genutzt haben könnte. Er stieg angeblich zuerst im Midoffice ein und ist dann zum Händler aufgestiegen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß in Unternehmen Mitarbeiter bei neuen Aufgaben zwar ihre dazu nötigen Berechtigungen nach einer Prüfung bekommen, daß aber die Wegnahme alter Berechtigungen nicht ganz so genau gehandhabt wird. Daß der dienstälteste Mitarbeiter über die meisten Berechtigungen verfügt, weil er schon in vielen Abteilungen tätig war, ist häufig anzutreffen. Es könnte also schlicht der Fall gewesen sein, daß es bei der UBS für diesen Händler möglich war, einige seiner Geschäfte selbst zu verbuchen und auf diese Weise über Monate hinweg Verluste auf speziellen Konten zu verstecken, von denen er wusste, daß sie nicht in das laufendee Risikomanagement miteinbezogen wurden.
Trotzdem muß der Fall nicht unbedingt eine Diskussion über „Gier schlägt Gewissen“ auslösen.  Es kann sich genausogut um ein Problem der Firmenkultur handeln, wie mit Fehlern umgegangen wird. Die sich über Monate angehäuften Verluste können ja auch der Versuch gewesen sein, einen Fehler auszubügeln, wie unter anderem die NYT vermutet. Im Handel passiert jeder vorstellbare Fehler, wie zum Beispiel daß schlicht „kaufen“ und „verkaufen“ verwechselt wird oder daß statt 1% des Inventars gleich 100% an die Börse geschickt werden. Ein Händler beschreibt in seinem Blog, wie ein Kollege mit einem Fehler so umgegangen ist, daß man sich die Geschichte heute noch belustigt erzählt. Dieser Kollege ist plötzlich von seinem Platz aufgestanden, hat seine Hand gehoben und gerufen „Ich habe einen Fehler!“. Es hätte auch gereicht, wenn er in aller Stille sofort zu seinem Chef gegangen wäre, aber er hat auf jeden Fall das Richtige gemacht: den Fehler zugegeben und alles unternommen, um ihn wieder auszubügeln. Der Finanzbereich ist zum Glück keine Operation am offenen Herzen, sodaß sich ohnehin meistens alles wieder umkehren läßt, wenn es nur rasch genug bemerkt wird. Dieser Kollege arbeitet dann auch heute noch für die Bank.
In einem anderen Fall jedoch hat jemand versucht einen Fehler zu verstecken und er ist erst bei Kontrollen am nächsten Tag aufgefallen. Die Karriere im Handelsraum von diesem Kollegen war vorbei. Ob die Fehlerkultur auch im gegenständlichen Fall so zweckmäßig war, läßt sich von außen nicht beurteilen. Ein vorschneller Schluß auf „Gier“ ist aufgrund der Faktenlage allerdings nicht angebracht.

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